04.04.2018

Leiharbeit

Moderne Sklaverei?

Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Arbeitnehmerüberlassungsstatistik


Im Jahr 2018. Die Wirtschaft in Deutschland boomt, wir sind wieder Exportweltmeister, die Unternehmen fahren Gewinne in Milliardenhöhe ein. Es geht der arbeitenden Masse gut - oder?
Weit gefehlt. Denn es gibt in Deutschland mehr Leiharbeiter als jemals zuvor - 991 000 in 2016 [1].


Leiharbeit? Zeitarbeit? Arbeitnehmerüberlassung? Drei Begriffe für ein und das Selbe: der Mitarbeiter wird nicht im Unternehmen selbst eingestellt, sondern bei einer Leihfirma. Der eigentliche Arbeitgeber des so genannten Einsatzortes zahlt nicht an den Mitarbeiter, sondern er zahlt für die geleistete Arbeitszeit. Wer diese erbringt, ist für ihn unerheblich. Dabei nimmt der Unternehmer in Kauf, dass ein Leiharbeiter ihn mehr kostet als ein fest angestellter Mitarbeiter. Die Gründe sind vielfältig, so schieben doch viele Unternehmen diese Politik auf ihr "Saisongeschäft". In Wahrheit sind es andere Vorteile, die die Leiharbeit erst lukrativ machen. Ein Mitarbeiter leistet nicht die erwartete Arbeit? Ein Anruf bei der Leihfirma und er wird am nächsten Tag durch einen anderen ersetzt. Ohne Begründungen, ohne Scherereien, ohne Diskussionen, ohne Betriebsrat, ohne Verträge berücksichtigen zu müssen. Diese "Freiheit" lassen sich viele Unternehmen gerne gutes Geld kosten.

Was die Leiharbeit für den Arbeitnehmer bedeutet, ist die selten öffentlich dargestellte Seite der Medaille. Allem voran: der Hungerlohn. In Zeiten von Mindestlohn sollte sowas doch gar nicht möglich sein, denken Sie. Pustekuchen! Die Leihfirmen wenden einen einfach aber wirkungsvollen Trick an: Wurde früher eine Vollzeitstelle mit 40 Stunden pro Woche vergütet, wird sie seit dem Mindestlohn nur noch mit 35 Stunden vergütet. Alles darüber hinaus sind geleistete Überstunden, die auf ein Zeitkonto angerechnet werden. Bis zu 150 Stunden gehen auf dieses Konto, das auf Nachfragen dafür da ist, "wenn keine Arbeit da ist". Kein Ausbezahlen, kein Abfeiern.
Bei einem Stundenlohn von Anfang 2018 rund 9,25€ pro Stunde brutto kommen wir auf einen Nettolohn von ca 1000 € bei Alleinstehenden. Genug zum Leben? Ich vergleiche Leiharbeit immer gerne mit Hartz 4, es mag zum Leben reichen, ja. Fakt ist jedoch, dass man sich auf der Stelle bewegt. Man kommt nicht voran. Ein neues Auto, Urlaub, eine neue Waschmaschine? Unmöglich.
Zusätzlich zum minimalen Verdienst kommt die Unsicherheit und der ständige Druck. Sehr kurze befristete Verträge sind normal, längerfristiges Planen unmöglich. Hinzu kann der heute noch wichtige Arbeitsplatz morgen bereits nicht mehr benötigt werden, man lebt in ständiger Unsicherheit, die eine dauernde psychische Belastung darstellt.

Wurde Leiharbeit noch ins Leben gerufen um primär Unternehmen die Möglichkeit zu bieten, Mitarbeiter "auszusortieren" und die Guten einzustellen, so ist dieser Gedanke heute größtenteils gewichen. Die Unternehmen müssen teilweise die Leiharbeiter "heraus kaufen", wenn sie diese fest einstellen wollen. Von fünfstelligen Summen für 1 Mitarbeiter wird gesprochen, genauere Daten werden regelmäßig von den Leihfirmen verweigert.
Wie bei Hartz 4 ist ein Sprung aus der Leiharbeit schwer, wenn man einmal in diesem System drin ist. Arm trotz Arbeit, man lebt am Existenzminimum und in ständiger Unsicherheit über seine berufliche Zukunft.
So ist die Leiharbeit heute doch eigentlich nichts anderes als eine moderne Form des Menschenhandels. Sklaverei im 21. Jahrhundert.